Jun 2005
Es ist geschafft!
In Schleswig-Holstein wird flächendeckend in allen Entbindungs-Kliniken das Neugeborenen-Hörscrenning durchgeführt! Ein komisches Gefühl haben die Eltern schon, aber dass dahinter eine echte Erkrankung steckt, vermuten sie zuerst nicht. Ihr Baby wirkt zwar ein bisschen abwesend. Und wenn es spielt, ist es einfach nicht ansprechbar, eben ein wenig störrisch. Als ob es nicht zuhören wolle – und genau hier liegt auch das Problem.
Dazu Claus-P. Poser, Landesvorsitzender des DSB Schleswig-Holstein e.V.: „Von den rund 27 000 Neugeborenen hierzulande kommen statistisch gesehen pro Jahr ca. 50 Kinder, also fast 0,2 Prozent, schwerhörig oder taub zur Welt”. Leider würde die Diagnose meist zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr gestellt. Das hinge damit zusammen, dass Eltern erst spät auffiele, dass ihr Kind zum Beispiel nicht vernünftig sprechen lernt und erst dann nach ärztlicher Hilfe gesucht würde.
FRÜHERKENNUNG DER SCHWERHÖRIGKEIT DURCH SPEZIALUNTERSUCHUNG
Dabei kann Schwerhörigkeit mit einer Spezialuntersuchung bereits in den ersten Lebenstagen sehr leicht aufgespürt werden. „Absolut schmerzlos, der Säugling schläft im Bettchen einfach weiter, und es dauert nur ein paar Minuten”, sagt der Landesvorsitzende. Noch auf der Geburtsstation bekommt das Baby dazu einen kleinen Stöpsel mit einer Sonde ins Ohr gesteckt. Das Gerät sendet Klickgeräusche aus, die über das Trommelfell, die Gehörknöchelchen bis zur Hörschnecke ins Innenohr weitergeleitet werden. Dort registrieren spezielle Sinneszellen, auch Haarzellen genannt, die Signale, um sie indirekt an das Gehirn weiterzugeben. Die Krankenkassen übrigens übernehmen den Hörtest für Neugeborene, der normalerweise 16 Euro kostet, nicht. Dies ist unter anderem ein Grund, warum das flächendeckende Hörscreening, das ehrenamtlich und durch Spenden finanziert wird, bisher noch nicht landesweit etabliert war. Die erforderlichen Messgeräte wurden größtenteils durch die Lions-Clubs beschafft, vereinzelt auch durch private Spenden und andere Clubs. Die Durchführung in den Geburtskliniken bewältigen Schwestern und Ärzte durch Mehrarbeit.

Beispiele-Hörprüfung

Gerade die ersten beiden Lebensjahre sind bei Kindern entscheidend für das Heranreifen der zentralen Hörbahn und spezieller Nervennetze im Gehirn. Kommen in dieser sensiblen Phase dort keine Schallreize an, verkümmern Strukturen, die für das Hören und das Verstehen von Sprache unbedingt notwendig sind. Kinder, die erst mit anderthalb Jahren Hörgeräte bekommen, haben folglich extreme Probleme mit der Sprache. Bei ihnen besteht eine bis zu 70-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass sie später auf eine Sonderschule für Hörbehinderte gehen müssen. Und kann das Hörgerät keine Abhilfe schaffen, bleibt immer noch die Möglichkeit, ab einem Lebensalter von einem Jahr ein so genanntes Cochlear-Implantat einzusetzen. Dieses ist eine elektrisch betriebene Innenohr-Prothese, die die Funktion des vollständig ausgefallenen Innenohrs übernimmt. Die Früchte seiner Arbeit nimmt der Vorstand des DSB-Landesverbandes Schleswig-Holstein e.V. mit viel Freude, aber auch Genugtuung zur Kenntnis. „Wenn man etwas erreichen möchte“, so Poser, „muss man eben hartnäckig sein. Wir freuen uns, dass wir durch diese flächendeckende Früherkennung von den betroffenen Kindern ca. 48 von 50 helfen können“.

(Artikel veröffentlicht in DSB-Report 2/2005)