MP3-Alarm

Ohren in Gefahr / von Bernd Neumann von fitforfun (Ausgabe 11/2005, S.120)


Die Generation der heute 15- bis 35-jährigen setzt ihr Gehör auf Spiel: Ein laut eingestellter MP3-Player richtet bereits nach fünf Minuten Hörzellen unrettbar zugrunde!

Schützen Sie Ihre Ohren jetzt – wir sagen, wie.


Karsten P. (28) war schon immer ein sportlicher Typ. Der Geschichtsstudent lief seit Beginn seiner Studienzeit fast täglich eine Stunde und ging ins Fitness-Studio. Auch den samstäglichen Diskobesuch betrachtete er als sportlichen Ausgleich. Karsten hielt sich selber für topfit. Doch eines Tages musste er sich bei den Vorlesungen eingestehen, dass er den Vorlesungen nicht mehr folgen konnte und Probleme hatte, sich in der Kneipe zu unterhalten. Karsten P. ging zum HNO-Arzt und ließ sein Gehör testen.

Ergebnis: hochgradige Schwerhörigkeit auf dem Linken Ohr, mittelgradige Schwerhörigkeit auf dem rechten Ohr. Heute ärgert er sich über seine damalige Unwissenheit: „Hätte ich beim Sport nicht meinen MP3-Player getragen und wäre ich nicht jede Woche mehrere Stunden in der Disko gewesen, bräuchte ich jetzt mit Sicherheit kein Hörgerät. Damit muss ich aber nun leben – für den Rest meines Lebens.


Wo beginnt Lärm


Wenn es nach einer lauten Party oder dem Diskobesuch in den Ohren braust oder klingelt und der Kopf sich anfühlt, als müsste er gleich platzen, ist das zunächst noch kein Grund zur Panik: Schlafen Sie sich richtig aus, und geben Sie den Hörsinneszellen die Gelegenheit, ihr Stoffwechselgleichgewicht wieder herzustellen. Ist es anderentags aber nicht besser, hören Sie immer noch Ohrgeräusche, die nicht da sein dürften, so sollten Sie schleunigst zum HNO-Arzt gehen. Die Frage, ab wann Musik als Lärm zu bewerten ist, hat dabei mit Geschmack nichts zu tun. Lärm ist, was dem Gehör auf Dauer oder sogar schon kurzfristig schadet. Lautstärke – der Fachmann spricht von Schalldruck – wird gemessen in dB (A), sprich Dezibel. Dabei gilt Lärmbelastung bis 40 dB (A) allenfalls als Störung, bis60 dB (A) als ungefährlich. Ab einer Lärmbelastung von 85 dB (A) werden einige der in jedem Ohr befindlichen 30 000 Hörsinneszellen unwiederbringlich zerstört. Und zwar unabhängig von der Dauer der Lärmeinwirkung. Einen Geräuschpegel von 80 dB (A) – das entspricht dem Lärm in einer Flugzeugkabine – können die Sinneszellen acht Stunden am Tag ohne Schäden überstehen. Bei 88 dB (A) sind es nur noch 4 Stunden, bei 94 dB (A) – das entspricht einem normal eingestellten MP3-Player – setzt die Schädigung bereits nach einer Stunde ein. Einem Lärmpegel von 105 dB (A) halten die Hörzellen nur knapp fünf Minuten ohne Verluste stand – ein Wert, den man mit einem laut eingestellten MP3-Player locker erreicht. Das Schlimme daran, Zellen, die durch Lärm bzw. den daraus resultierenden Sauerstoffmangel abgestorben sind, sind unrettbar verloren.

Besonders besorgniserregend sind dazu diese Zahlen:

Eine Düsseldorfer Studie an 1800 Wehrpflichtigen zwischen 18und 24 Jahren belegt, dass jeder vierte dieser Altersgruppe unter einem nachweisbaren Hörverlust leidet. Bei einer anderen deutschen Untersuchung an 270 Berliner Schülern zwischen6 und 18 Jahren waren fast 10 Prozent betroffen. Eine britische Untersuchung liefert die Gründe: 39 Prozent der 18- bis 24-jährigen lassen sich mindestens eine Stunde pro Tag mit Musik aus Kopfhörern bedröhnen. – zum Beispiel vom Discman oder MP3-Player. Dabei ist fast die Hälft dieser Musikbegeisterten sogar selbst der Meinung, der Sound sei zu laut. Angesichts dieser Zahlen ist es nur zu verständlich, dass Ohrenärzte mittlerweile lautstark Alarm schlagen und vor ungehemmten Musikgenuss via Kopfhörer warnen. Aus den Fakten schließt Henning Wiegels, Chefarzt der HNO-Klinik Schwerin: „Vielen ist die Wirkung von lauter Musik nicht bewusst. Ein Hörlust ist aber oft mit Einschränkungen in der Berufswahl oder sogar sozialer Isolation verbunden. Wenn die heutigen Teenager 40 Jahre alt sind, werden sie nur noch auf einem Niveau hören können, wie heute die 60-Jährigen.

Solcher Hörverlust, der bei den über 70-Jährigen als völlig normal gilt, greift heute schon bei Jüngeren immer mehr um sich. So hat eine neue repräsentative Umfrage des Forums Besser Hören gezeigt, dass von den über 45-järigen Deutschen 16 Millionen (46 Prozent) in Alltagsituationen Probleme haben, einwandfrei zu hören und zu verstehen: 6 Millionen von ihnen haben sogar massive Probleme. Oftmals stellt sich solcher Hörverlust schleichend ein, über Jahre und Jahrzehnte unbemerkt. Es ist jedoch von entscheidender Bedeutung, dass der Hörverlust erkannt und eventuell mit einem Hörgerät behandelt wird.

Warum?

Unser Gehör warnt uns vor Gefahren, beispielsweise vor heranbrausenden Autos, vermittelt wichtige Informationen wie etwa die Lautsprecherdurchsagen auf Bahnhöfen, hilft bei der Orientierung im Dunkeln und gibt uns bei einer Unterhaltung neben den reinen Informationen via Tonfall wichtige Hinweise darauf, wie die jeweilige Aussage tatsächlich gemeint ist. Bei Kindern ist gute Hören sogar noch wichtiger. Sie können eine Sprache nur wirklich lernen, wenn sie absolut alles mitbekommen. Dass alte Menschen schlechter hören als junge, ist nicht überraschend. Vom altersbedingten Hörverlust betroffen sind vor allem die oberen Frequenzen ab etwa 1,5 Kilohertz, mit 1500 Schwin-gungen pro Sekunde. Bedenkt man, dass sich unsere sprachliche Verständi-gung im Wesentlichen zwischen 1 und 2 Kilohertz abspielt, kann man ahnen, warum Ältere oft nachfragen müssen. Stellen Sie sich vor, im Nebenraum unterhalten sich 2 Menschen: Das klingt dumpf. So das man nur hier und da etwas versteht. So ähnlich macht sich ein zunehmender Hörverlust in höheren Frequenzen bemerkbar.


Ab wann zum Ohrenarzt ?

Sie sollten also ein möglicherweise bestehendes Hörproblem nicht leugnen oder vertuschen. Wenn Sie von anderen öfter mal auf eine zu hohe Lautstärke des Fernsehers hingewiesen werden, wenn Sie Telefon oder Türklingel häufiger überhören, wenn Sie ein herannahendes Fahrzeug schon einmal erst im letzten Moment wahrgenommen haben, Probleme beim Telefonieren oder bei Unterhaltungen in geräuschvoller Umgebung, wenn Sie das Gefühl haben, dass viele Menschen undeutlich sprechen oder Sie bei Unterhaltungen Ihrem Gesprächs-Gegenüber meistens eine Kopfseite zuwenden – dann sollten Sie dringend zu einem HNO-Arzt gehen und Ihr Gehör checken lassen. Auch dann, wenn Sie während oder nach einer Lärmbelastung auf einem oder beiden Ohren deutlich weniger oder sogar gar nichts mehr hören: Es handelt sich dabei vermutlich um einen Hörsturz, der sofort vom HNO-Arzt mit durch-blutungsfördernden Medikamenten behandelt werden muss. Ohne ärztliche Maßnahmen kann eine dauerhafte Hörschädigung und/oder Ohrenklingeln (Tinnitus) die sehr unangenehme Folge sein. Je eher ein beginnender Hör-schaden mit einem Hörgerät korrigiert wird, desto besser gewöhnt man sich als Träger daran.

Risiko fürs Herz

Es gibt noch einen Grund unsere Ohren pfleglich zu behandeln. Denn die Gefahr für unsere Gesundheit beginnt bereits ab 65 Dezibel. So hat eine Berliner Studie an 4115 Personen ergeben, dass Männer, die länger als zehn Jahre an einer viel befahrenen Straße mit etwa 70 dB (A) leben, ein 30 Prozent höheres Herzinfarktrisiko tragen. als Anwohner ruhiger Straßen. Für Frauen zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Straßenlärm und Herzin-farkt. Ihr Risiko steigt hingegen deutlich, wenn sie in der Nähe einer Einflugschneise wohnen. Doch das liegt nicht an Hörschäden. Das Herzin-farktrisiko erhöht sich vielmehr deshalb, weil durch die Dauerbelastung vermehrt Stresshormone ausgeschüttet werden, die wiederum die Blutgefäße verengen, sie schneller altern lassen und das Herz unökonomisch arbeiten lassen. Zudem führt die Dauerbelastung auch zu Muskelverspannungen, Verdauungsproblemen und einem erhöhten Risiko für Magengeschwüre. Auch nicht nett, das zu hören.